Das Ich-Gefühl

(Von Michaela Schubert)

Wir sind Menschen, aus bzw. mit Leib und Seele. Das bedeutet, jeder von uns hat (s)ein eigenes Ich, an das wir mehr oder weniger denken dürfen. Schon als Kleinkind sind wir uns dessen bewusst. Auf einmal werden Bedürfnisse und Wünsche ganz anders eingesetzt. Starke Gefühle wie hartnäckige Trotzphasen und tränenreiche Wutanfälle, wechseln sich mit freudiger Begeisterung und ich-hab-dich-so-lieb-Bekundungen ab.

Ich selbst bin Mutter eines elfjährigen Sohnes und Teil einer Patchworkfamilie. Somit bin ich aktuell voll im Thema, anstatt nur dabei. Unsere 4 Kinder sind vom Wesen her komplett unterschiedlich. Von sehr introvertiert bis Hans Dampf in wirklich allen Gassen, ist alles vertreten.

Dem Ich-Gefühl treu bleiben

Zwei von den Vieren sind sich ihrem kleinkindlichen Ich-Gefühl bis jetzt treu geblieben. Es ist spürbar, dass sie im Einklang mit sich sind. Auch erlebe ich, dass sie sich lieben, so wie sie körperlich und charakterlich sind.

Fast jede vorgeschlagene Verhaltensoptimierung blocken sie komplett ab.

Sie tun in erster Linie das, was sie für richtig halten bzw. setzen alles daran, ihren individuellen Willen durchzudrücken. Dabei geht es allein um ihr Weiterkommen, um die Befriedigung ihrer Bedürfnisse und darum, sich selbst bestätigt zu fühlen. Sei es in Form von Futterneid bei gemeinsamen Mahlzeiten oder das vehemente Einfordern elterlicher Zuneigung. Es geht hauptsächlich um ihr Ich.

Obwohl beide auf ihr Gefühl hören, gehen die Zwei unterschiedlich an die Sache heran. Der eine holt sich größtenteils ein Ok. Der andere, der ein Jahr älter ist, nimmt es sich auch ohne zu fragen. Der eine ist sich selbst genug. Der andere benötigt vermeintlich Schwächere, um sich stark zu fühlen. Der eine hat ziemlich zugenommen, steht aber zu seinen Reserven (wie er diese liebevoll nennt) für schlechtere Zeiten. Während der andere unüberlegt große Mengen an Süßigkeiten vertilgt, ohne ein Gramm zu viel auf den Rippen zu haben. Sehr oft beginnen ihre Sätze mit: „Ich will …“

Erlaubt vs. verboten

Bei Kindern sind solche Gefühlsschwankungen erlaubt bis geduldet. Natürlich nur, wenn keine zusätzlichen – von der Norm abweichenden – Verhaltensweisen ausgelebt werden.

Viele kindliche Denkweisen werden vom Erziehenden belächelt, gerügt oder gar als naiver Leichtsinn abgetan.

Das geht solange gut, bis sich der „gute“ Punkt in einen bösen Vorwurf umwandelt: „Du denkst immer nur an dich!“

Wir alle haben das schon mal gehört und auch selbst geäußert. Ich nehme mich an dieser Stelle überhaupt nicht raus. Doch dieser Vorwurf hat es faustdick hinter den Ohren. Das Ich-sein erhält oder hat bereits irgendwie einen negativen Touch.

Grob ausgedrückt, wenn ich meine liebevollen und essenziellen Bedürfnisse unbedingt befriedigt haben möchte, gelte ich schnell als Egoist. Denke ich überwiegend an mein privates, berufliches Umfeld, schließe Kompromisse oder stelle meine Wünsche hinten an, kommt einer um die Ecke und sagt mit erhobenen Zeigefinger: „Du musst aber auch mal an dich denken!“

Ja, was denn nun?

Im Zwiespalt steckend, informiere ich mich im Internet, was denn nun richtig oder falsch ist. Ich klicke mich durch die Vielzahl von Coaching-Angeboten, Selbstdarstellungen und Ich-zeig-dir-wie-es-geht-Anleitungen. Mir fällt sofort auf, dass es immer wieder direkt und indirekt heißt:

  • „Du musst an dich und deine Bedürfnisse denken!“
  • „Du bist, was du denkst!“
  • „Du musst nichts tun, außer deine Wünsche ins Universum zu schicken!“

Voll motiviert übe ich mich darin, meine verborgenen Hoffnungen mithilfe dieser vielfältigen Vorschläge aus den Medien in die Tat umzusetzen. Und merke irgendwann:

So einfach wie die anderen es überall äußern, ist es aber gar nicht.

Immer und immer wieder muss sich jeder von uns, in irgendeiner Form mit dem Vorwurf „Du denkst nur an dich!“ auseinandersetzen. Aber warum eigentlich?

Ich bin ich

Heutzutage ist es sehr schwer, sein Ich-Gefühl bewusst und mit liebevollen Absichten zu leben. Einerseits sind wir ein Teil einer anonymen, aber doch kommunikativ aktiven, Gemeinschaft. Anderseits sehen, hören und erleben wir täglich durch die mediale Freiheit neidisch, wie andere um uns herum augenscheinlich ihre Ziele in kürzester Zeit und scheinbar ohne Anstrengung erreichen.

Wir wissen viel mehr darüber, wie wir sein sollten. Anstatt darüber, wie und wer wir wirklich sind.

Als ich im essgestörten Sumpf festsitzte, dachte ich anfangs ausschließlich an mich. Alles drehte sich um mein Essen, Hungern und Erbrechen. Zu wenig war für mich noch immer zu viel. Mein paradoxes Ziel war unsichtbar zu werden, damit mich mein privates Umfeld sieht. Das zog ich durch, bis ich zur personifizierten Essstörung mutierte. Ich verlor das Ich-Gefühl, weil ich zu dem werden wollte, wozu mich die Essstörung Tag für Tag zwang. Ich konnte nicht anders. Ich war nicht mehr ich.

Seit ein paar Jahren bin ich symptomfrei.

Ich akzeptiere mich mit all meinen Ecken und Kanten.

Ich stehe zu mir und meinen eigenen Ansichten über Gott und die Welt. Ich bin ich und das ist genau richtig.

Das gute Gefühl

Es gibt aber Momente, in denen ich mich schon intensiv frage: „Darf ich jetzt wirklich an mich selbst denken?“ Ein imaginärer Blick zu unseren 2 Jüngsten reicht dann aus. Die beiden leben die Antwort, die aus meiner Sicht für jeden gilt. Ihr Ich-Bewusstsein ist für mich ein Vorbild. Ihre kindlichen Maßnahmen, ihren Willen zu bekommen, gehören allerdings nicht dazu.

Wie so oft ist der Mittelweg der goldene. Wer nur an sich denkt, kommt nicht weit. Und wer nur nach der Pfeife der anderen tanzt, bleibt ebenfalls irgendwo auf seinem Lebensweg stehen. Trotzdem ist nichts Verwerfliches daran, mit positiven Absichten an sich zu denken. Dafür sollte meiner Ansicht nach keiner kritisiert werden.

Wenn wir anderen helfen, motiviert uns das gute Gefühl, welches wir nach der helfenden Tat haben.

Und darum geht es uns doch im Leben, um ein gutes, liebevolles Gefühl.

Michaela Schubert
www.happy-kalorie.de
Autorin von „Essstörungen – Was ist das?“

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