Gesund und glücklich mit Evolutionsbiologie

(Von Dr. Simone Janßen)

Der Mensch in den Industrienationen lebt in einer Überflussgesellschaft. Die Lebenserwartung war nie höher. Die meisten von uns kommen durchs Leben, ohne dass größere körperliche Anstrengungen oder lebensbedrohliche Situationen unsere Energie rauben.

Kinder, wir sollten alle glücklich und zufrieden sein und vor Energie nur so strotzen. Wieso aber tun wir das nicht? Wieso raubt uns der Alltag die letzten Reserven? Und wieso wollen sich Zufriedenheit oder gar Glück nur selten einstellen?

Warum sind wir nicht glücklich?

Ziehen wir doch einen kleinen, plakativen Vergleich: Im Gegensatz zu ihren wildlebenden Artgenossen brauchen sich auch Zootiere um nichts mehr Sorgen zu machen. Sie bekommen ihr Futter frei Haus geliefert, ihre natürlichen Feinde sind in einem anderen Gehege untergebracht und sie werden medizinisch bestens versorgt. Aber warum schauen die undankbaren kleinen Biester dann oft so traurig durch ihre Gitterstäbe?

Zootiere wurden aus der freien Wildbahn herausgenommen und in eine künstliche Umgebung gesetzt. Sie leben nicht in ihrer natürlichen Umwelt – und dadurch leben sie auch fernab von ihren evolutionären Wurzeln. Und wenn wir mal ehrlich sind, gilt das für den Menschen auch. Zumindest aus Sicht der Evolutionsbiologie leben wir inmitten von Asphalt und Beton, mit Supermarkt und Mikrowelle, Auto oder Straßenbahn nicht mehr artgerecht. Und wenn man sich in die Fußgängerzone einer x-beliebigen Stadt stellt und die Passanten nach ihrem Gefühl von Freiheit fragt, fühlen sich die wenigsten auch nur im Entferntesten frei.

Was läuft schief?

Durch Arbeitsalltag, gesellschaftliche und staatliche Zwänge sowie den stetigen Kampf, nicht abgehängt zu werden, hat der moderne Mensch sich einem Tagesrhythmus und einem Regime unterworfen, die radikal vom natürlichen Vorbild abweichen. Die moderne Welt ist zu laut und zu hektisch, das Nahrungsangebot ist gleichzeitig zu gehaltlos (an wichtigen Mikronährstoffen) und zu gehaltvoll (an Zucker und künstlichen Zusätzen), Bewegungsimpulse sind gering, die Anforderungen an das Gehirn sind riesig und das Immunsystem wird falsch belastet. Alle Systeme des menschlichen Körpers geraten aus dem Gleichgewicht, weil sie an die moderne technische Umwelt nicht angepasst sind. Sie laufen nicht mehr rund – und verbrauchen dadurch mehr Energie.

Aber was tun? Ab ins Kloster? Tief im Schwarzwald eine Hütte bauen? Das wären auf jeden Fall Strategien. Aber ganz ehrlich, ich möchte nicht auf die Möglichkeiten der modernen Welt verzichten. Ich steh auf meinen Kühlschrank, meine Waschmaschine und das Internet. Tatsächlich geht es auch gar nicht um ein Entweder-oder, sondern um die Frage: Wie verbinden wir den Komfort der modernen Welt mit den archaischen Systemen unseres Körpers?

Die Lösung liegt vor allem in dem Bewusstsein für unser Problem

Wenn wir die moderne Welt als unglaublich praktisch aber evolutionsbiologisch unpassend erkennen, ergeben sich für jeden von uns Möglichkeiten, ein paar Lücken zu schließen.

Die zentrale Frage im Alltag muss also immer lauten: Wo kommt der Mensch evolutionsbiologisch her? Was ist heute anders als vor 200.000 Jahren? Die offensichtlichsten Stellschrauben lauten daher:

 

Tipp 1: Möglichst regionale und unverarbeitete Nahrungsmittel essen

Industriell verarbeitete Lebensmittel enthalten Zusatzstoffe und Zucker, auf die wir besser verzichten sollten. Regionale Lebensmittel können kürzer vor der tatsächlichen Reife geerntet werden, da lange Transport- und Lagerzeiten entfallen. Dadurch enthalten sie mehr Nährstoffe.


Dr. Simone Janßen, Niklas Hobacher
Die Reenergize-Formel
Der evolutionäre Baukasten für Energie und Glück
ISBN 978-2919808175

 


Tipp 2: In Bewegung bleiben

Über seine gesamte Entstehungsgeschichte musste der Mensch sich zwangsläufig bewegen, wenn er Nahrung haben wollte. Zahlreiche Abläufe im Körper sind darum an Bewegung gekoppelt: Sie regt die Nervenverarbeitung an, schmiert Gelenke, baut Stress ab, lockert Verspannungen in der Muskulatur, ist verantwortlich für den Transport der Lymphflüssigkeit, unterstützt die Darmtätigkeit und, und, und. Bewegen wir uns zu wenig, vernachlässigen wir zahlreiche wichtige Stoffwechselvorgänge. Dagegen hilft keine halbe Stunde Power-Workout am Wochenende, sondern nur kontinuierliche Bewegung im Alltag.

Tipp 3: Zusammenhänge erkennen und die natürlichen Abfolgen beachten

Erst die Arbeit, dann das Vergnügen. Oder biologisch gesprochen: Erst die Jagd, dann das Futter. Ein Verdauungsspaziergang kann zwar keinesfalls schaden, aber sportliche Höchstleistungen sind eher Vorspeise als Nachtisch.

Tipp 4: Draußen sein

Der moderne Mensch verbringt fast sein ganzes Leben in Innenräumen: Wohnen, arbeiten, Sport treiben – all dies findet heutzutage meist in Gebäuden statt. Und selbst der Wechsel zwischen einzelnen Gebäuden erfolgt überwiegend im Inneren von Transportmitteln. Als Resultat bekommt der Mensch zu wenig Licht, was seinen Tagesrhythmus und damit auch den Schlaf stört.

Tipp 5: Moderne Errungenschaften dosiert einsetzen

Unsere Gehirne sind nicht auf eine Dauerbeschäftigung und die Menge an Information ausgelegt, die ein ganz normaler Tag heute bietet. Das Gehirn frisst Unmengen an Energie und braucht Zeit zur Regeneration. Darum besser mal das Handy weglegen und einfach nur sinnieren, wenn man zum Beispiel auf die Straßenbahn wartet.

Tipp 6: Ziele und Wünsche mit Bedacht wählen

Zufriedenheit macht faul und träge. Beides ist tödlich für jede Weiterentwicklung. Und die ist aus Sicht der Evolution unbedingt nötig. Jeder Organismus strebt darum nach mehr. Mehr Nahrung, mehr Macht, mehr Wissen, mehr Sicherheit, mehr Status. Wie in der Wirtschaft sorgt dieses persönliche Streben nach Weiterentwicklung und hohen Zielen für Anpassung und Verbesserung – und sichert damit den Fortbestand bzw. das Überleben. Unsere Gene haben daher gar kein Interesse daran, dass wir zufrieden oder glücklich sind mit dem Ist-Zustand. Latent unzufrieden ist der Status, der vor Stillstand schützt. Der Mensch ist also darauf programmiert, nach mehr zu streben und sich Ziele zu setzen. Über Jahrhunderttausende eine super Strategie. Vor allem, weil über lange, lange Zeit eine Weiterentwicklung mit einer Erhöhung der Überlebenswahrscheinlichkeit oder zumindest einer deutlichen Verbesserung der Lebensumstände einherging. Heute jedoch laufen wir uns beim Erreichen der vielen Ziele und Wünsche zu Tode.

Was schützt: Ab und an mal innehalten und sich die Frage stellen, ob das allerneuste Handy-Modell, nach dem das Herz sich so sehr sehnt, wirklich stärker zum Überleben beiträgt als das Handy, das man besitzt. Und immer daran denken, dass nicht alle Wünsche nach ihrer Erfüllung gleich glücklich machen. Unerfüllte oder unerreichbare Wünsche machen aber nahezu immer gleich unglücklich.

Fazit

Die städtische Umwelt und der moderne Lifestyle passen nicht mehr zu unseren körpereigenen Systemen. Die kommen dadurch an allen Ecken und Enden aus dem Tritt. Jede einzelne Abweichung ist nicht so dramatisch – aber in der Summe ist der Einfluss auf unseren Körper dramatisch und führt zu Unzufriedenheit und Energielosigkeit. Je mehr kleine Stellschrauben wieder in Richtung unserer Ursprünge gedreht werden, desto besser kommt unser Körper mit dem modernen Leben zurecht. Es lässt sich beides verbinden: der Komfort der modernen Welt mit den archaischen Systemen unseres Körpers.


Dr. Simone Janßen
Buchautorin von „Die Reenergize-Formel“
www.reenergizeformel.com

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