Warum empathische Menschen „Helden der Liebe“ sind

(Von Luca Rohleder)

Liebesbeziehungen empathischer Menschen (Kürzel: EM) verlaufen selten nach Mustern, wie wir sie aus Hollywoodfilmen oder Liebesromanen her kennen. Aufgrund ihrer hohen Feinfühligkeit stellt die Liebe für EM nicht nur das größte Glück auf Erden dar, sondern kann auch Leid hervorrufen.

Empathische Menschen tragen bereits seit ihrer Kindheit eine hohe Fragilität in sich. Warum dies besonders bei EM der Fall ist, ist in erster Linie dem Wesensmerkmal der Empathie selbst zuzuschreiben. Sie bewirkt, dass solche Menschen ausgeprägte Antennen für andere besitzen. Sie sind sozusagen permanent auf Empfang geschaltet. Schon in ihrer Kindheit bekommen EM nicht nur das Sichtbare ihrer Umwelt, sondern vor allem auch Subtiles wie auf dem Präsentierteller serviert.

Empathen werden schon früh mit dem wahren Naturell des menschlichen Wesens konfrontiert

Diese Tatsache muss für die weitere Persönlichkeitsentwicklung unweigerlich Folgen haben. Selbstverständlich ist es unüblich (wahrscheinlich auch nicht zweckmäßig), einem Kind zu erklären, dass der Mensch per se vermutlich mehr charakterliche Schwächen als Stärken innehat. So muss eine unbedarfte Person, der für seine Persönlichkeitsentwicklung noch viel Liebe und Positives benötigt, zwangsläufig zum Schluss kommen, dass da etwas in der Welt nicht stimmen kann. Es kommt, was kommen muss: Ein Kind, das empathisch veranlagt ist, wird viel zu früh mit der kompletten Bandbreite des Lebens konfrontiert.

EM beschließen schon früh in ihrem Leben, vor Menschen eher auf der Hut zu sein

Mit einer gewissen Übervorsichtigkeit sein emotionales Leben meistern zu wollen, führt allerdings immer zu einer unterschwelligen geistigen Anspannung, was grundsätzlich Herztätigkeit und Atmung negativ beeinflusst. Dies steht mit der inneren Entwicklung einer ausreichenden Lebenskraft und positiven Lebenseinstellung im Widerspruch. So werden EM schnell davon abhängig, Lebensenergie von anderen erhalten zu müssen. Dies ist am schnellsten durch Anerkennung, Liebe und Beachtung von außen realisierbar. Fällt dieser zusätzliche Energieschub jedoch plötzlich aus, wie beispielsweise bei einer unglücklichen Liebesbeziehung, tritt die latent vorhandene seelische Instabilität schnell wieder zutage und Leid entsteht.

Besonders empathische Menschen laufen in der Liebe Gefahr, seelische Verletzungen zu erleiden

Es gibt allerdings noch weitere Besonderheiten im empathischen Liebesleben: EM tragen ein „inneres Wissen“ über die „wahre Liebe“ in sich. Diese geheimnisvolle „innere Blaupause“ über ein ganz bestimmtes Liebesideal ist ebenfalls auf die Empathie selbst zurückzuführen. Aufgrund der weit ausgefahrenen Antennen entsteht das Wesensmerkmal einer ausgeprägten Intuition. Eine Art außersinnliche Fähigkeit, durch die EM auch allerlei diffuse und unterschwellig wirkende Informationen über die Welt zur Verfügung gestellt bekommen. So ist es zu erklären, dass besonders EM über eine gewisse „innere Weisheit“ verfügen. Da machen Liebesbeziehungen keine Ausnahme.

Auf der einen Seite kennen EM damit das Ideal, wie eine „wahre Liebe“ perfekt verlaufen könnte, auf der anderen Seite werden sie oft mit Lebenssituationen konfrontiert, die zu ihrer „inneren Weisheit“ im Widerspruch stehen.

So sind zumindest EM geradezu gezwungen, manchmal hart auf den Boden der Tatsachen aufzuschlagen. Nicht, weil objektiv gesehen ihre Partnerschaften schlecht verlaufen, sondern weil sie tief in ihrem Inneren eine Tendenz in sich tragen, die Liebe zu idealisieren. Wenn man zu dieser Tatsache noch ihre hohe Verletzlichkeit mit einbezieht, ist schnell nachzuvollziehen, dass es nahezu unmöglich ist, dass das Liebesleben von EM geradlinig verlaufen kann:

Empathische Menschen werden erfahrungsgemäß mit allen Höhen und Tiefen der Liebe konfrontiert

Und dies lebenslang. Es ist schon mehr als auffällig, dass nahezu alle Facetten der Liebe durchlebt werden müssen. Während bei Nichtempathen solche höchst emotionalen Lebenskonstellationen im Laufe ihres Lebens nach und nach verschwinden, gilt dies für EM in der Regel nicht – selbst in der zweiten Lebenshälfte können EM noch von einem Sturm von Leidenschaft betroffen werden. Der Begriff „Helden der Liebe“ wird jetzt sicher nachvollziehbar. Zur Wiederholung: EM sind im höchsten Maße verletzliche Wesen, tragen eine innere Blaupause über ein ganz bestimmtes Liebesideal in sich und werden lebenslang mit allen Themen der Liebe konfrontiert.

Es braucht infolgedessen schon eine heldenhafte Einstellung, seine psychische Stabilität sowie seinen Glauben an die Liebe und ein positives Leben nicht zu verlieren. Dazu sind großer emotionaler Mut, viel Lebenserfahrung und ein tiefer Glaube an sein eigenes Schicksal vonnöten.


Luca Rohleder
DIE LIEBE EMPATHISCHER MENSCHEN
Die Gratwanderung zwischen wahrer Liebe und seelischen Verletzungen
ISBN 978-3-9817975-8-9, € 22.99

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Wenn man sich das Ganze aber einmal nüchtern durch den Kopf gehen lässt, drängt sich eine ganz bestimmte Frage förmlich auf:

Warum haben gerade empathische Menschen ein solches Liebesleben zu führen?

Müssen EM etwa einer Art Bestimmung folgen? Existiert ein ganz bestimmtes Thema, was besonders empathische Menschen in ihrem Leben emotional zu bearbeiten haben? Was sind die Ursachen, warum gerade EM so intensiv mit Liebesthemen konfrontiert werden – und das ihr Leben lang? Die Antwort gibt uns nicht die Wissenschaft, sondern solche EM, die auf ein langes Leben zurückblicken können. Besonders empathische Menschen, die mit der Weisheit des Alters gesegnet sind, berichten auffällig oft dasselbe.

Erst im Nachgang erkennen empathische Menschen oft, dass ihre Liebespartner immer nur ein Spiegel ihrer selbst waren.

Erst in der Rückschau bemerkten sie, dass die Liebe sie praktisch gezwungen hat, sich immer wieder mit sich selbst beschäftigen zu müssen. Nahezu alle EM, die weit in ihrer zweiten Lebenshälfte angekommen sind, kommen zum Schluss, dass es in letzter Konsequenz immer nur um ein einziges Lebensthema ging:

Wahrscheinlich werden Empathen in ihrem Leben nur deshalb so intensiv mit allen Facetten der Liebe konfrontiert, weil es um die Entwicklung von Selbstliebe geht

In der Folge kann es also nur eine Erklärung für das heroische Liebesleben von EM geben. Sie tragen nicht deshalb diese geheimnisvolle Blaupause der „wahren Liebe“ in sich, weil sie diese im Außen erfüllt bekommen wollen, sondern vielmehr in ihrem Inneren.

Empathische Menschen entdecken irgendwann in ihrem Inneren genau das, wonach sie sich im Außen immer sehnten

Der Liebespartner wäre damit das Spiegelbild des aktuellen Stands der Persönlichkeitsentwicklung. Und die Natur der Liebe lässt EM praktisch keine andere Wahl. Die emotionale Bindung zwingt sie förmlich, ihr Ebenbild genau anschauen zu müssen.

Da persönliche Wachstumsprozesse grundsätzlich dynamische Vorgänge sind, wäre dies auch der Grund, warum auch die Liebeserfahrungen von EM ebenso dynamisch sein müssen. Dies wäre auch die Erklärung, warum heute die meisten EM in ihrem Leben mehr als nur eine einzige Partnerschaft benötigen. Manchmal braucht es eben ein Liebesaus, um in der Folge einen Partner anzuziehen, der dem eigenen aktuellen Stand dieses inneren Wachstumsprozesses zur Selbstliebe entspricht. Und irgendwann (meist in der zweiten Lebenshälfte) erreichen EM schließlich ihr Lebensziel. Sie entdecken, wie sie ihr Herz zum Strahlen bringen können. Es entsteht die Fähigkeit, aus sich heraus Liebe zu entwickeln, ohne dass es dazu einen Anlass von außen benötigt.

Erst jetzt, am Ziel ihres inneren Wachstumsprozesses, tragen sie genug Selbstliebe in sich, um auch andere wahrhaftig lieben zu können, ohne gleichzeitig angewiesen zu sein, geliebt zu werden – das ist dann auch das endgültige Aus für weitere seelische Verletzungen.


Luca Rohleder,
Inhaber dieser Homepage,
Initiator des Netzwerks „Helden der Liebe“ und
Buchautor von „Die Liebe empathischer Menschen“.


 

9 Kommentare

  1. Hallo Lu, wie wahr wie wahr. Ich ziehe gar keine Liebesbeziehungen an. Und Arbeit ständig an meiner selbstliebe, sonst würde ich das Leben gar nicht aushalten. Beruflich bekomme ich viel Wertschätzung. Auf der Ebene fließt es… privat ist es fur mich harte Arbeit…. ich kaufe mir mal das Buch. Bin gespannt was es noch an wissen bereit halt. Liebe Grüsse

    1. Im Prinzip ist es ganz einfach – EM unterliegen bei diesem Thema oft nur einem inneren Missverständnis: EM wissen nicht deshalb sehr genau, was Liebe ist, weil sie eine Beziehung suchen, in der sie diese Liebe finden können, sondern EM tragen diese Vorstellung über ein Liebesideal in sich, weil es ihr eigenes Thema ist! LG Lu

  2. Lieber Luca Rohleder

    Danke für den ausführlichen Text. Lese immer wieder im Buch
    Sind Sie in der letzten Lebensphase des EM angekommen?
    Haben Sie ( hast Du) ihre Selbstliebe gefunden?
    Ich bin noch auf dem Weg.

    Herzlich
    Angelika Sabo

    1. Ich denke schon, liebe Angelika, dass mein Herz und meine Lunge mittlerweile genug Selbstliebe (Lebensenergie = Liebe) produziert. Die Lebensphasen per se wurden im Buch nur aus didaktischen Gründen in einer chronologischen Reihenfolge behandelt. Im Lebensalltag ist es eher ein hin und her. Also auch ich falle auch mal wieder in eine „Überlastenden Phase“ zurück. Das ist jedoch nicht weiter tragisch, solange man sich selbst bewusst ist, und infolgedessen dies schnell bemerkt. Dann sind die eher negativen Phasen nur von kurzer Dauer. LG Lu

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